Freitag, 16. Mai 2014

Sieben Wochen vegan - so war´s

"Haben Sie auch Soja-Milch?" Diese Frage habe ich in den letzten Wochen, gefühlt, am häufigsten gestellt. Ich wurde hingegen in den sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag sehr oft gefragt, wie es mir geht, ob ich Veränderungen spüre, abgenommen habe und ob ich nicht langsam von den Einschränkungen genervt sei. Was davon stimmt und was (leider) nicht:

1. Vorbereitung ist alles.
Am ersten Fastentag stand ich im Supemarkt und wusste nicht, was ich einkaufen soll. Ich hatte zwar einige Rezepte gesammelt, doch ich bin das Veganexperiment auch sehr zuversichtlich angegangen. Viele Gerichte, die ich mir unter der Woche gerne koche, sind vegan. Milch und Butter habe ich schon seit Längerem durch pflanzliche Alternativen ersetzt, also alles kein Problem. Aber scheinbar war ich dann im Laden stehend so auf das alles fixiert, was ich nicht kochen kann, dass ich dachte, nun gar nichts einkaufen zu können. Also gab´s dann an den nächsten zwei Tagen erstmal Ofengemüse, bis die Schockstarre überwunden war.
Auch wenn es mir dann leicht gefallen ist, einfach wieder normal zu kochen, da ich wirklich selten Sahne & Co. verwende, und auch neue Rezepte ausprobiert habe, würde ich mich beim nächsten Mal besser vorbereiten: Zum einen würde ich mir überlegen. welche Standard-Rezepte aus meinem Repertoire vegan sind oder sich ganz leicht, durch Weglassen oder Austauschen bestimmter Komponenten, veganisieren lassen. Polenta schmeckt auch ohne Parmesan gut. Dann einen Fundus an Rezepten anlegen und - ganz wichtig - für die ersten zehn Tage einen Speiseplan mit Einkaufszettel schreiben.
2. Toll
Wirklich Spaß gemacht hat, mich mit Lebensmitteln auseinander zu setzen. Das kann auch wütend machen, aber dazu gleich mehr. Man kann keine Chips und Kekse in den Einkaufswagen legen, ohne die Zutaten zu lesen. Im Umkehrschluss hat das dazu geführt, dass ich deutlich weniger Süßigkeiten gegessen habe. Auch bei der Arbeit konnte ich nicht mehr zu Keksen bei Besprechungen, mitgebrachtem Kuchen oder halbgeheimen Süßigkeitenvorräten greifen. Das war auch gar nicht schlimm, denn ich habe das ja selbst so gewollt. Dann einfach etwas mehr Obst, Studentenfutter oder selbstgebackenen veganen Kuchen mitbringen.
Dass  mich veganes Backen total fasziniert, habe ich schon bei meinem Veganversuch im letzten Jahr festgestellt. Zwar habe ich mich nicht getraut, einen richtigen, großen Kuchen zu backen, aber verschiedene Muffins (zum Beispiel hier, hier und hier) und Waffeln. Ich bin immernoch auf der Suche nach den perfekten veganen Waffeln. Beim veganen Backen gefällt mir die Chemie für den Hausgebrauch sehr. Mit Zitronensaft aufgeschlagene Sojamilch bekommt eine Konsistenz wie Buttermilch, Apfelessig und Mineralwasser machen den Teig fluffig und auch Apfelmus, zerdrückte Bananen oder geschrotete Leinsamen können Eier im Teig ersetzen.
3. Nicht so toll
Man kann nicht spontan irgendwo Kaffee trinken oder etwas Essen gehen. Es sei denn, man möchte nur Cola und keinen Kuchen oder Salat mit Essig-Öl essen. In den allermeisten Cafés und Restaurants gibt es keine veganen Speisen. Man kann ja selbst als Vegetarier froh sein, wenn es mehr als Ofenkartoffel und Salat zu essen gibt. Das nervt, vor allem, wenn man mit anderen Leuten unterwegs ist. Ich hatte dann immer das Gefühl, die anderen müssen jetzt wegen mir auf etwas verzichten oder ewig durch die Stadt laufen, um ein geeignetes Lokal zu finden. Auch hier ist wieder Vorbereitung das Stichwort. Wenn man in eine andere Stadt fährt oder sich zum Kaffee/Essen verabredet sollte man vorher passende Restaurants ergooglen. Das erspart Frust und Hungeragressionen. Eine andere Möglichkeit ist, sich Snacks und Proviant bei Ausflügen mitzunehmen.
Eine Herausforderung sind auch Essenseinladungen bei anderen oder Aufenthalte bei Eltern und Schwiegereltern. Sobald ich das Gefühl habe, andere müssten sich wegen mir Umstände machen, fühle ich mich ganz schlecht. Eigentlich ist es ja gar nicht so kompliziert. Aber gerade für Menschen, die sonst mit vegetarischem und veganen Essen so gar nichts zu tun haben, ist es das eben doch. Entweder gibt man sich dann mit Beilagen zufrieden, kocht mt den Gastgebern gemeinsam oder macht wenigstens Vorschläge für das Essen.
Nicht so toll ist auch, Hunger auf Käsespätzle zu haben, wenn die Biergarten-Saison beginnt.
7 Wochen vegan Selbstversuch Fazit Reis mit Erdnussbutter-Spinat-Kokossauce Holunderweg 18 Foodblog
Reis mit Erdnuss-Spinat-Sauce

4. Und, durchgehalten?
Ja. Es gab aber zwei freiwillige Ausnahmen, die beide mit meinen Omas zu tun haben. Eine meiner Omas war in Stuttgart zu Besuch und wollte, klaro, schwäbisch essen gehen. Also habe ich mit Käsespätzle das Fasten gebrochen.
Die zweite Ausnahme war Kaffee und Kuchen. Meine andere Oma geht sehr gerne Kaffee trinken und ich war auf Heimatbesuch, da kann ich ihr unmöglich mit vegan kommen. Die Zeit mit meinen Omas und meiner Familie generell ist mir sehr wichtig. Essen ist nun einmal eine soziale Handlung und als Veganer schließt man sich in manchen Situationen davon aus. Damit kann man sich sicherlich arrangieren und Möglichkeiten finden, aber für mich war das nicht möglich und das schöne, unproblematische Zusammensein mit den Omas wichtiger. 
5. Wie vegan war mein vegan
Wahrscheinlich sehr oberflächlich. Ich habe zum Beispiel bei Essig, Öl und Getränken nicht darauf geachtet, ob die Produkte vegan sind. Essig, Öl, Saft und auch Wein können mit Gelantine gklärt sein, damit diese Flüssigkeiten klar sind. Somit sind sie nicht einmal vegetarisch, aber um ehrlich zu sein, war ich bisher immer zu bequem, mich darüber zu informieren. 
Auch bei meiner Kosmetik bin ich leider inkonsequent. Zwar benutze ich hauptsächlich Naturkosmetik, aber ich verwende Rouge. Ich bin halt so blass. Um Kosmetika rot zu färben, braucht es Karmin und das wird aus zerquetschten Cochenille-Läusen gewonnen. Irgendwie scheußlich, oder?
Auch Kleber ist meistens nicht vegan. Damit sind auch die meisten Schuhe nicht vegan. Paketklebeband und viele Verpackungen auch nicht.

6. Was bleibt?
Es war tatsächlich so, dass ich mich ein bisschen davor gegraust habe, wieder "normal" zu essen. Kaffee mit Kuhmilch schmeckt mir gar nicht mehr und ich versuche das zu umgehen.  Seit Ostersonntag habe ich erst zwei Mal wieder mit tierischen Produkten gekocht. Es soll auch weiterhin so bleiben, ich möchte zur Zeit hauptsächlich vegan kochen und backen. Für teirische Produkte werde ich mich bewusst entscheiden. Klar möchte ich gerne bald mal wieder eine Quiche backen, Kuchen, der wirklich ohne Eier nicht machbar ist, backen und Peccorino über meine Spaghetti hobeln. Aber ich habe das Gefühl, dass das (noch) nicht wieder Alltag sein soll.
Ich habe gemerkt, dass ich ein besseres Bauchgefühl während der Fastenzeit hatte. Sonst merke ich meinen Bauch irgendwie, da ziept, zupft und grummelt es. Während der Fastenzeit war nichts und jetzt beginnt das wieder. Klar kann das auch andere Gründe haben, aber es ist mir aufgefallen.
Vegan Selbstversuch Fazit Bärlauchpesto grüner Spargel Pasta Holunderweg 18
Pasta mit Bärlauchpesto und gebratenem grünen Spargel
Geblieben ist auch, dass ich mich noch mehr darüber aufrege, was in unseren Lebensmitteln enthalten ist und wie wenig wir wissen. Was bitte ist Käsepulver (ist in machen Chips enthalten)? Warum müssen vegetarische Gummibärchen mit Bienenwachs überzogen sein? Warum dürfen Getränke, Öl und Essig mit Gelantine geklärt werden und der Verbraucher erfährt das nicht? Was haben Knochen und tierische Proteine in Kleber verloren? Das verstehe ich nicht und die Gründe, die die Hersteller bestimmt dafür haben, werde und möchte ich nicht verstehen. Das macht mich wütend.
Ich denke, dass man nicht vollständig vegan leben kann. Zum einen weiß man nicht alles, was in den Produkten und Lebensmitteln und zum anderen muss man wahrscheinlich Kompromisse machen, um in dieser Gesellschaft leben zu könen, es sei denn, man ist Selbstversorger. Es ist selbstverständlich, dass Vieles tierische Inhaltsstoffe enthält, viele wissen das nicht und die meisten wollen das vermutlich auch nicht, selbst wenn man weder Vegetarier noch Veganer ist.

Ich muss euch also enttäuschen. Ich habe kaum abgenommen, habe keine Superkräfte bekommen und war noch nicht mal genervt von irgendwelchen Einschränkungen. Käsespätzle hätte ich mir manchmal gewünscht. Aber sonst bin ich sehr zufrieden mit meinen sieben veganen Wochen. Möchte noch viel vegan backen und ausprobieren, meinen Kaffee und meinen Frühstücksbrei weiterhin mit Hafermilch trinken und essen, und auch versuchen, so oft es geht in Cafés und Restaurants die vegane Alternative zu wählen. Ich glaube, dass das für mich richtig ist. Wen Veganismus näher interessiert und auch die moralischen Argumente dahinter spannend findet, dem lege ich sehr diese Bücher ans Herz:

Karen Duve: Anständig essen. Ein Selbstversuch.
Jonathan Safran Foer: Tiere essen.

Ich bin sonst nicht jemand, der auf solche sehr gehypten Bücher steht, aber diese wurden gehypet und sind auch einfach gut.

Falls ihr noch Fragen oder Anmerkungen habt, freue ich mich sehr, wenn ihr die Kommentarfunktion benutzt und werde alles beantworten.

Ich wünsche euch Schönes

Natalie



Kommentare:

  1. Hallo Natalie,

    danke für deinen spannenden Bericht. :-)
    Mir geht's wie dir, ich reg mich auch über sehr viele dieser Dinge auf und habe das Gefühl, das man sich eher selten für "das beste" entscheiden kann, sondern eher für "das geringere Übel". Das ist oft anstrengend und frustrierend. Ich bin zum Beispiel nach längerer Verwendung von Alsan bio wieder dazu übergegangen, Butter zu verwenden. Es gibt nämlich kein nachhaltiges Palmöl, selbst für Biopalmöl wird Regenwald abgeholzt, Menschen vertrieben und Schimpansen und andere Tiere abgeschlachtet. Die einzige vegane palmölfreie Margarine, die es (meines Wissens nach) gibt, ist die von Sojola und die ist nicht bio, das Soja kommt aus Südamerika, und da gleicht die Kritik ja auch der Kritik an Palmöl. Für mich läuft das dann auch nicht wirklich unter vegan, auch wenn keine tierischen Produkte drin sind. Für mich bedeutet vegan nämlich auch "fair trade". Denn auch für die vermeintlich vegane Zartbitterschokolade müssen Kindersklaven arbeiten. Ist das dann wirklich vegan? Bedeutet vegan nicht (tier)leidfrei? Wo zieht man da die Grenzen?
    Es ist quasi unmöglich, sich ganz konsequent vegan zu ernähren, da hast du absolut recht. Mich macht das je nach Laune wütend oder traurig. Allerdings denke ich mir auch, dass die Entscheidung für das geringere Übel auch schon viel bewirkt, bewusster Konsum kann durchaus etwas bewegen, auch wenn er die Welt vielleicht nur ein klitzekleines Stück besser macht und sie nicht völlig verändert.

    Ach, und eine gute Nachricht: es gibt veganes Rouge! Von Annemarie Börlind, es ist aber leider recht teuer: http://www.boerlind.com/boerlind-de/produkte/dekorative-kosmetik/puderrouge.html

    Liebe Grüße
    Gourmande

    AntwortenLöschen
  2. Ich finde es ja sehr faszinierend, wenn Menschen freiwillig vegan leben wollen. Ich bin mir sicher, dass das bestens funktioniert - aber ich bin derzeit überhaupt nicht bereit, mich mit der Materie so zu beschäftigen, dass es einfach wäre, alle Inhaltsstoffe aller Produkte zu kennen um wirklich behaupten zu können, ich würde vegan leben. Obwohl: immer, wenn ich mit zwei lieben Freundinnen koche, wird vegan gekocht, da die eine durch und durch vegan isst. Lecker ists ja ; )
    Ich finds klasse, dass Du Dein Experiment durchgezogen hast - und genauso toll find ich es, dass Du für Deine beiden Omas eine Ausnahme gemacht hast : )

    AntwortenLöschen
  3. Ich ernähr mich inzwischen auch zu ca. 70% vegan und möchte das nicht missen. In mein Müsli kommt nur noch Mandelmilch (lecker, lecker, lecker), Kuhmilch macht irgendwie so ein schleimiges Gefühl im Mund... Das einzige Problem nach 14 Jahren vegetarisch und 2 Jahren häufig vegan sind aber momentan meine Vitamin B12 Werte. Das ist pflanzlich schwer hinzubekommen und deshalb greif ich da auf Ergänzungsmittel zurück. Trotzdem kann ich mir gar keine andere Ernährungsweise mehr vorstellen.

    Hut ab vor deinem Experiment und ganz liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
  4. Bei mir hieß es in der Fastenzeit 7 Wochen vegetarisch;) Seit dem gehts mir wie dir, der Hunger auf all das Zeug, auf das man verzichten musste ist verflogen. Ich habe erfahren, dass es im Alltag auch so funktioniert und ich nicht mehr mit schlechtem Gewissen irgendwelchen Mist futtern muss.
    Wobei ich die unangenehme Erfahrung gemacht habe, dass besonders Menschen, die ich nicht so gut kenne (Kollegen, Freunde von Freunden usw.) total verständnislos und teilweise schon fast aggressiv auf meine *neue* Ernährungsweise reagieren. Ich gehe nicht hausieren mit meiner Einstellung, aber irgendwie wird es immer und immer wieder Thema und das nervt. Und es macht mich superwütend. Ich frage ja auch nicht die anderen warum um alles in der Welt sie denn Fleisch essen...
    Dein veganes Experiment find ich super und Hut ab, dass von heute auf morgen vollgas durchzuziehen! Ich habe nach der gesellschaftlichen Ohrfeige erstmal die Hosen gstrichen voll und werde mich hüten vegane Gedanken in den unveganen Teil der Bekannten zu transportieren;) Ich schummel lieber superleckeren veganen Käsekuchen auf ihre Teller und freue mich hämisch, hehe.
    Liebe Grüße und danke für den ehrlichen Einblick in denen Selbstversuch =)
    Sabine

    AntwortenLöschen

Link Within

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...